Die neue Rechtschreibreform
Die Kehrseite der Medaille
Die Schwitzkur
Ein mißratener Wochentag
Die neue Rechtschreibreform (1998)
Ich bin ein User. Ein Benutzer des Internets. Ich mag dieses Medium. Da gibt's was zu sehen. Da kann man was lernen. Angefangen hat es 1995. Natürlich war damals der Lerneffekt noch nicht so hoch. Da gab es tatsächlich noch Seiten ohne Bilder, ohne buntes Geblinke und auch der heute übliche, allgegenwärtige "Java-Script-Error" hat das World Wide Web nicht aufgelockert. Es waren langweilige Seiten, die schnell geladen waren und ausschließlich dazu dienten, Informationen bereitzustellen. Aber jetzt. Eine Flut von privaten Homepages hat sich über die hocherfreuten User ergossen, eine Sintflut von Diskussionsforen ist entstanden, alles ist schöner, bunter, größer, und es herrscht die große Freiheit. Design - Geschmackssache. Programmierung - Java sollte man schon können ... Richtig fetzig wird es dann durch den großzügigen Gebrauch der deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung. Und wozu eigentlich noch diese lästigen Leerzeichen beachten oder sich stundenlang mit Tippfehlern auseinandersetzen? Kleinkariert, sowas. Im großen Interdorf versteht doch ohnehin jeder seinen Nachbarn.
In den "Chat-Rooms" (Schwatzräume) zeigen sie mir, wie's geht. Da wird - etwas gewöhnungsbedürftig, das muß ich zugeben - eine "virtuelle" Sprache angewendet. Meist generell klein geschrieben, sind nicht nur Gedanken, sondern auch Gefühle gefragt. Immer in kleine Sternchen eingekreist, werden nicht nur ganz einfache *grins*, *lach*, *pruust* und *stöhn* über die Leitung geschoben. Wirkliche Profis sprechen in ganzen Sätzen: *schämguckwegundgrinsmireins*, *strahlmitverheultengroßenbraunenAugen*, *rollaufdembodenvorlachen* und nicht zuletzt *indiehosepischervorfreude*. Da überzeugt nicht nur die Tiefe der Gefühle, sondern auch der heitere Umgang mit der deutschen Sprache.
Diskussion über die Rechtschreibreform? Hier doch nicht! An einem ganz normalen "Surfabend" kann ich meine "Spielfavorieten" wählen und "Jetzt mit machen und Gewinnen", dazu wünscht der Homepagebetreiber "fiel Spas" und ist gern bereit, "ihrgendwelche fragen" zu beantworten. Im allgemeinen ist der Service unschlagbar: "in ein paa Tagen" werden die Gewinnbenachrichtigungen "zugesand". Da gibt es eine "Partner-Base" und "Singels-Online" und der User kann "ein erotisches Trefen" wahrnehmen. Wenn das nicht meinem Wunsch entsprechen sollte, wird "viellmehr" empfohlen "diese Seite zu verlaßen". Es ist die Rede von "mystrichem Glanz" und einer "Upotheose des Fortschritts", die die "Begeisterrung" beim Leser "Bekanntlicher Weise" "generall" zu wecken versteht. Die schönste Unterhaltung könnten "Travesti-Künstler" mit dem "Niebelungenlied" bieten, vielleicht auch noch die "Goulden Four", die zum Tanz aufspielen, wenn ich nur mal ein bißchen "durchdie gegend Fahren" und mich mit der "Geographi" meiner Umgebung beschäftigen würde. Verzweifelte Menschen äußern sich in den Diskussionsforen über die "Unsensibelität" der Einkäufer, da "gans einfach" nie die passende "Diesel oder Lewis" auf Lager ist. Und die dauernden "Antibiothika"-Verordnungen für Kinder zeugen von der "Armseeligkeit" des Arztes und sind immer einen "Thread" wert. "Sonstieges" finde ich wohl unter anderem in der "Professional-Version", dabei könnte ich mir einen "Apperetif" oder "Kaffe" zu Gemüte führen, wobei ich Wert darauf lege, daß die Getränke "themperaturmässig" stimmen, sonst wird's nämlich "echt ecklig".
Virtuell ausgedrückt: *Aaaarrghhh*, *händeüberdemkopfzusammenschlagvorverzweiflung*!
Die Kehrseite der Medaille
Diese Geschichte stammt von 1987. Ich war frisch verliebt und wir arbeiteten und lebten in Schriesheim bei Heidelberg und in Karlsruhe, was die Zusammenkünfte etwas seltener machte.
Manchmal denke ich, man sollte das Bridgespielen offiziell verbieten. Nicht auf der Ebene des Falschparkens für 20 Mark, das wäre nicht abschreckend. Nein, richtig als Straftatbestand. Möglichst ohne Bewährung. Ich meine selbstverständlich nicht das lockere Spielen auf privater Basis oder den gelegentlichen Besuch im örtlichen Club. Auch gegen Rubberbridge-Runden um harte D-Mark habe ich gar nichts einzuwenden, wenn sie einigermaßen im Rahmen bleiben. Der Bessere möge gewinnen ...
Ich meine diese widerlichen Turniere höherer Spielebene, Qualifikationen für Europa- und Weltmeisterschaften, Deutsche Meisterschaften in was für einer Form auch immer und sämtliche Turniere im Ausland. Nicht, daß ich angebunden daneben sitzen müßte und mir das Dilemma anzugucken hätte, das wäre ja noch schöner. Aber - diese Turniere finden schließlich an den Wochenenden statt, natürlich, es spielen ja auch nur Amateure. Und die müssen unter der Woche ihrer geregelten Arbeit nachgehen. Ebenso wie ich. Und wie mein Herzallerliebster.
Klar, der spielt Bridge. Und das nicht mal schlecht, sonst hätte ich den Ärger nicht. Ich würd' ja gar nicht meckern, wenn ich mit diesem Prachtexemplar zusammenleben und ihn somit täglich sehen würde. Dann wäre ich vielleicht sogar mal ganz froh um ein freies Wochenende ... Aber - so ist es leider nicht. Bei uns bleiben ohnehin nur die Wochenenden für das sogenannte traute Beisammensein. Und was macht er? Er spielt Bridge! Und da soll man keinen Nervenzusammenbruch kriegen!
Woche für Woche plant man einen schönen Ausklang, vielleicht mit angenehmen Unterhaltungen wie Billardspielen, Ausgehen, sich gemütlich im Bett lümmeln (das macht allein schließlich nur halb soviel Spaß), gemeinsam ins Kino oder ins Restaurant. Statt dessen kann ich mir die Samstage und Sonntage wieder mal allein um die Ohren schlagen. Wie fast jeden Abend unter der Woche.
Schon am Samstagmorgen geht der Streß los. Statt auszuschlafen, klingelt der Wecker wie jeden Morgen in der Frühe und reißt mich aus den süßen Träumen, die mir bedeuten, daß ich um Gottes Willen nicht aufzustehen brauche. Nach einer ersten Schrecksekunde wird mir dann klar, daß nicht ich der arme Hanswurst bin, der sich aus der warmen Falle zu erheben hat, sondern mein Schatz. Aber - nichts ist mehr mit Kuscheln und Schmusen, mit sich nochmal umdrehen, der Wecker war auf den letzten Drücker gestellt. Allerhöchste Eile ist für ihn geboten, will er seinen Zug noch erwischen. Entsetzliche Hektik wird verbreitet, womit mir bereits der gesunde Morgenschlaf gestohlen wird. Das hastige Küßchen, verbunden mit dem liebevollen Satz "Jetzt muß ich aber wirklich los", läßt die Stimmung auch nicht gerade steigen. Die Tür fällt ins Schloß, weg ist er.
Derweil wälze ich mich von einer Seite auf die andere mit dem festen Willen, den Traum von vorhin weiterzuträumen. Der war sowas von angenehm ... Es gibt einfach Situationen, da hilft selbst der stärkste Wille nicht mehr. Raus aus dem Bett, rein ins Bad, unter die Dusche, ich muß schließlich noch einkaufen. Vielleicht kann man am Sonntagabend ja ein Essen für zwei kochen ... Wie immer ist der Supermarkt samstags mehr als voll. Warum die Hausfrauen alle unbedingt am Samstag einkaufen müssen? Noch nichts im Magen, kaufe ich wieder mal Unmengen. Keiner da, der einen bremst.
Das Samstagmorgenfrühstück ist das einzig Angenehme am Wochenende. Da kann ich ihn sowieso nicht gebrauchen, er verkriecht sich regelmäßig hinter einer Zeitung. Statt der neuesten Schlagzeile habe ich wenigstens mal die freie Aussicht auf die Straße. Ich ziehe das Frühstück in die Länge, vielleicht gibt es am Nachmittag einen Film in der Glotze. Oder ins Kino? Aber allein?
Mit solchen und ähnlichen Überlegungen geht das Wochenende dann langsam dem Ende zu. Die guten Bücher sind alle schon dreimal gelesen, die Wohnung fünfmal geputzt. Klar, die Freundinnen, die ohne Anhang in der Gegend herumstreifen, können besucht werden oder mich besuchen. Ich hoffe nur, die Freundinnen werden es verkraften, wenn ich hier kundtue, daß sie leider kein vollwertiger Ersatz sind.
Aber jetzt: Der ersehnte Sonntagabend. Welch eine Enttäuschung! Nicht nur, daß er sich um zwei Stunden von der angegebenen Zeit verspätet hat, er ist selbstverständlich körperlich, geistig, seelisch und nervlich auch völlig am Ende seiner Kräfte. Faselt unverständliches Zeug von der fünften Pik-Dame. Dafür hat er das gesamte Wochenende nicht an seine Herz-Dame gedacht. Wenn das mal kein Ausgleich ist!
Die Schwitzkur
Diese Geschichte stammt in etwa aus dem Jahr 1986, als ich noch Herr meiner freien Zeit war:
Ich sitze auf einer Holzpritsche und schwitze. Die Brühe läuft mir von der Stirn über die Wangen, den Nacken, auf Brust, Bauch und die intimeren Teile meines Körpers. Die weißgekleidete Dame macht schon wieder Dampf. Ich schwitze noch mehr. Mir droht nichts und ich habe keinen Grund, mich in irgendeiner Form zu fürchten. Gefängnisse habe ich bisher nur von außen gesehen. Nein, ich sitze einfach in der Sauna. Freiwillig, versteht sich. Um mich herum eine Menge ächzender, sich von einer Seite zur anderen windender Leute. Die schwitzen ebenfalls. Selbstverständlich auch freiwillig. Zwecks Abhärtung, Entschlackung und Gewichtsreduktion (natürlich illusorisch). Der Gesundheit zuliebe.
Die etwas sehr vollschlanke Dame neben mir sieht allerdings aus, als würde sie gleich platzen. Hochrot im Gesicht und am Körper stöhnt sie nur noch leise vor sich hin. In ein paar Minuten werde ich wieder ihre Quieker hören, wenn sie sich - auch freiwillig - unter den kalten Wasserhahn begibt. Die Grunzlaute des etwas älteren Herrn neben mir, der aussieht wie unser werter Herr Außenminister, könnten Orwells "Farm der Tiere" entliehen sein. Ich möchte ja weiß Gott nicht behaupten, daß ich einen ästhetischen Anblick biete, wassertriefend, naselaufend und übelriechend. Aber man sieht sich selbst äußerst schlecht.
Umso besser habe ich doch dafür den kleineren, etwas verhutzelten Herrn im Auge, der auch in dieser, ca. 96 Grad heißen Stätte des Wohlbefindens nicht auf seinen Kneifer verzichten kann. Und mich fixiert wie die Katze das Mausloch. Ob der wohl überhaupt noch was sieht ohne sein Gerät? Langsam werde ich sauer. Vielleicht guckt der jetzt mal weg?! Die vollschlanke Dame ist sichtlich peinlich berührt. Jetzt zischt sie eine Verhaltensmaßregel. Aha, seine werte Gattin. Und schon guckt er weg. Wird ja auch Zeit.
Langsam geht bei mir die Pumpe. Erstmal ein Stockwerk tiefer setzen. Hilft meistens. Meine Güte, wie schafft die das bloß? Die junge Frau neben mir, meine ich. Wie kann man sich in dieser Hitze nur so hinsetzen? Brust raus und vorhandener Bauch rein. Ich hab mich immer gefragt, wie man dabei überhaupt atmen kann. Den Kopf in den Nacken geworfen, die Haare dekorativ auf den Schultern ausgebreitet, steht sie jetzt langsam auf. Wenn sie nicht so japsen würde wie ein Nilpferd, könnte man doch tatsächlich annehmen, sie käme direkt aus der Brandung.
Apropos, ich merke, ich brauche kaltes Wasser. Die Grunzlaute jetzt über mir verstärken sich. Dem Ebenbild des Außenministers scheint es ähnlich zu gehen. Raus unter die kalte Dusche. Ahh... und jetzt ins Schwimmbecken. Eiskalt, aber schöööön... Was habe ich gesagt?! Die Quieker lassen nicht lange auf sich warten. Das Tier, das so kreischt, muß wohl erst noch gezüchtet werden. Ab in den Ruheraum. Na, von wegen Ruhe. Da schnarcht einer. Dann lieber an die Bar.
Der sonnenverbrannte Möchtegernplayboy scheint seine Hornbrille immer auf der äußersten Nasenspitze zu tragen. Ne, ich kapiere: Er ist weitsichtig. Soll ja auch eine Alterserscheinung sein. Aber das Mineralwasser ist Spitze. Jetzt müßte man eine rauchen dürfen. Darf man aber nicht, man bleibt hier konsequent gesund. Als Ausgleich zieht sich die vollschlanke Dame schon ihr viertes belegtes Brot rein. Bierschinken, Katenschinken, Camembert und in diesem Moment vertilgt sie den armen Emmentaler, der auch nichts dafür kann, daß er dick macht. Jetzt liebäugelt sie mit dem fünften. Nein, sie ißt es nicht, sie hält auf Figur. Sagt sie zumindest.
Ich werde nochmal richtig abschwitzen, habe ich beschlossen. Die Studie soll sich wenigstens auch gesundheitlich gelohnt haben. Und dann - bis zur nächsten Woche...
Manchmal ist es wahrhaftig nicht so einfach, eine stinknormale erwerbstätige Frau zu sein. Frau steht morgens auf, es ist etwa 7.30 Uhr, gähnt, streckt sich und hat schon vor dem Aufstehen bereits die Nase gestrichen voll. Leider geht es dann erst richtig los: fünf Minuten später aufrichtig im Spiegel betrachtet, stellt frau fest, daß sie morgens auch nicht aussieht wie Elizabeth Taylor in jungen Jahren. Dagegen muß jetzt selbstverständlich sofort etwas unternommen werden.
Also unter die Dusche. Die hat heute morgen auch nichts Besseres zu tun, als mich gründlich und kräftig zu ärgern. Zunächst erstmal kalt, dann kochendheiß, schließlich nur ein Plätscherstrahl, weil der Nachbar - der Teufel möge ihn holen - zur gleichen Zeit auf die glorreiche Idee kommt, sich einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Bis ich das endlich überstanden habe, ist meinem Magen sämtlicher Appetit aufs Frühstück vergangen. Abgesehen davon, daß nach der ausgiebigen Kosmetik, die grundnotwendig ist, um nicht alle Menschen in Horrorvisionen zu stürzen, auch gar keine Zeit mehr dafür wäre.
Anschließend kommt die Frage des Tages, immer wieder das gleiche Problem: Was in Gottes Namen ziehe ich heute an? Aber eigentlich völlig wurscht, ich habe sowieso nichts Passendes. Ich fische irgendwas aus meinem Fundus. Das leidige Thema hat dann aber soviel Zeit in Anspruch genommen, daß ab jetzt allerhöchste Eile geboten ist, wenn unsereins noch rechtzeitig ins Büro kommen will. Selbstverständlich auch keine Zeit mehr, das vollendete Chaos, was ich bis jetzt produziert habe, wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen.
Rein ins Auto, das auch nicht sofort in die Gänge kommen will, ist ja auch verständlich, jeder hat morgens Anlaufschwierigkeiten, wieso nicht mein Auto? Die Flüche helfen nichts, mit gutem Zureden klappt es schon eher. Na endlich! Gutes Auto. Wie es schnurrt, wenns erstmal läuft. Klar, Sprit ist fast alle. Die Zeit fürs Tanken war eigentlich nicht eingeplant. Aber muß sein, schließlich will man nicht auf offener Autobahn stehenbleiben. Wie könnte es anders sein: Ausgerechnet heute kleben drei Leute vor mir am Bleifrei und stehen sich die Beine in den Bauch. Sollte man vielleicht doch mal einfachen Sprit...? Nein, die Umwelt geht vor, der Chef wird das verstehen, wenn er merkt, daß man zu spät ist. Hoffentlich. Merken wird ers eh auf alle Fälle, er hat da so eine Begabung...
Bis ich an der Stätte meiner intelligenten Beschäftigung angekommen bin, sind meine Nerven auch schon völlig am Ende. Wie heißt es doch so schön: Ausgeruht und frisch wie der junge Morgen sollte ein motivierter Mitarbeiter im Büro erscheinen. Statt dessen fühle ich mich jetzt schon wie der späte Abend. Kaum denke ich an den wohlverdienten Büroschlaf, den ich jetzt nötiger als alles andere hätte, gehts auch schon los: Das Telefon klingelt. Laut und penetrant. Penetrant vor allem. Was sind das bloß für Leute, die so eine unmenschliche Geduld haben, 20mal klingeln zu lassen? Abnehmen wird unvermeidlich. "Kann ich mir etwas notieren?", "Es tut mir leid, Herr Sowieso spricht gerade.", "Einen Moment, bitte, könnten Sie den Namen nochmal wiederholen?". Bis zum Mittagessen habe ich mir den Mund schon gut fusselig geredet. Hoffentlich hilft dagegen der Kantineneinheitsfraß. Na, die Kuh hätte auch jünger sein können, das Gemüse hat sicherlich schon mal bessere Tage gesehen und der Pudding ist aus der Tüte. Mal abgesehen davon, daß die Damen und Herren Köche die Finger wieder kräftig im Salztopf hatten. Immerhin, der Kaffee hinterher und die eigens mitgebrachten Zigaretten lassen doch ein genervtes und heute schon roh vom Schicksal gebeuteltes Geschöpf wieder aufleben. Frisch gestärkt, erstmal den Biorhythmus des heutigen Tages abfragen. Wußte ich's doch, hätte besser sein können. Am besten nicht aus dem Haus gehen, stand da. Alles geht schief. Den Eindruck habe ich aber auch. Bis der Nachmittag dann endlich die Freundlichkeit hat, dem Abend Platz zu machen, vergehen Unmengen von Kaffee, Zigaretten und widerwillig freundlichem Gesülz. Aber - alles geht einmal vorbei.
Endlich - Feierabend. Na, siehe da: Das Auto springt ohne Mucken an, ich vertrete mir nicht einmal den Absatz beim Rausgehen, im Radio läuft der "Fröhliche Feierabend", und mir fällt doch siedendheiß ein, daß ich nichts zu essen gekauft habe. Macht nichts, also in die Stadt, man arbeitet ja schließlich, da kann man auch mal essen gehen.
Den Aperitiv nimmt man vorher in der Stammkneipe. Da findet sich eventuell noch ein weiteres hungriges Herz, dessen Kopf nicht allzu platt ist, um sich mit demselben zu unterhalten. Nichts los um diese Zeit. Ja, was sehe ich denn da einsam in der Ecke? Der sieht doch tatsächlich aus, als hätte er tagelang nicht gegessen... Ne, der war eben bei MacDonalds, deswegen guckt er so gequält. Der Arme, ihm ist schlecht, mir jetzt aber auch, vor Hunger. "Ist ja gut, das Wort Essen kommt mir in Deiner Gegenwart nicht mehr über die Lippen". Alternative: Frau geht alleine essen.
Der Biorhythmus hatte recht - am besten wär doch gewesen, heute gar nicht erst aufzustehen. Wenn ich es mir recht überlege, gehts mir gar nicht gut. Frau sollte aufs Essen verzichten. Morgen soll doch das absolute Tief in allen Kurven eintreten... Noch so ein Tag? Ich spüre die Grippe in allen Knochen. Es gibt einfach Tage, da sollte man besser zu Hause bleiben. Ich glaube ganz sicher - morgen ist so ein Tag.
© Susanne Ludewig 1996
Letzte Änderung dieser Seite: 21.09.1999